29.11.2013

Das Schöne und das Schreckliche

Wenn Rilke in der ersten Duineser Elegie ausführt, das Schöne sei nichts als des Schrecklichen Anfang, so liegt auch in der Umkehrung ein Sinn: Wenn wir angesichts des Schrecklichen bereit sind zur Umkehr, kann daraus Wandel entstehen. In diesem Sinne singen wir: für alle die Leid tragen, für alle die Verantwortung tragen, und für uns selbst. Wohl wissend, "daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt".

Es gibt noch viel zu Singen zwischen Himmel und Erde.

Die erste Duineser Elegie

Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.
Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf
dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen
wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt. [...]

Rainer Maria Rilke